Auf Bitte des Tierheims Bogancs habe ich Yano übernommen. Yano ist ein wunderschöner Mischling aus Labrador und Bayerischem Gebirgsschweißhund. Obwohl sein Fell schwarz war, bekam er mehrere Chancen auf ein neues Zuhause. Leider wurde er immer wieder ins Tierheim zurückgebracht – mit der Begründung, dass er ständig weglaufe.
Wir haben einen hohen Zaun, und wenn wir draußen sind, stehen die Hunde stets unter Aufsicht. Ich war in der Schweiz, als das Telefon klingelte: Yano ist abgehauen. Er ist über den 1,80 Meter hohen Zaun geklettert. P. musste mit ansehen, wie er verschwand. Er rief ihn, lief sofort hinterher – doch Yano war bereits im Wald verschwunden. Tagelang wurde nach ihm gesucht. Freunde halfen, Plakate wurden aufgehängt, nichts blieb unversucht.
Seitdem blutet mein Herz. Es ist kaum auszuhalten, nicht zu wissen, was mit ihm geschehen ist. Tausend Gedanken kreisen in meinem Kopf: Wie? Wo? Warum? Mehrmals wurde eine Hundekommunikatorin hinzugezogen. Ich bin zu Orten gefahren, an denen ein ähnlicher Hund gesichtet wurde – doch jedes Mal war es eine Fehlmeldung.
Das Foto ist kurz vor seinem Weglaufen entstanden. Er schaut darauf zum Himmel, und ich spüre, wie groß seine Sehnsucht nach Freiheit gewesen sein muss – obwohl wir ihm ein liebevolles Zuhause geboten haben. Ich erinnere mich, wie er oft am Zaun auf und ab ging, den Blick stets in den Wald gerichtet. Seine Aufmerksamkeit galt immer dem, was jenseits des Zauns lag. Wir wohnen mitten im Wald, wunderschön gelegen. Natürlich hatte er ständig die verschiedensten Gerüche in der Nase. Wildschweine, Hirsche, Rehe – das Wild lief direkt an unserem Zaun vorbei.
Gleichzeitig durfte ich Yano auch ganz anders erleben: wie er mit kleinen Hunden spielte, wie er gemeinsam mit ihnen im Hundebett schlief. Sein bester Freund wurde eines Tages hier bei uns abgeholt. Vielleicht war auch das für ihn ein schwerer Verlust, ohne dass es mir bewusst war. Vielleicht hat ihn auch das innerlich noch weiter von uns entfernt. Ich weiß es nicht. Vielleicht denke ich zu menschlich, und Yano musste einfach seinem Jagdtrieb folgen – und ging deshalb fort.
Ich schreibe bewusst nicht in der Vergangenheit, denn seinem Alter nach könnte er noch leben. Lange habe ich überlegt, ob ich ihn überhaupt bei der Regenbogenbrücke erwähnen soll. Doch ich möchte seine Geschichte erzählen – auch wenn ich nicht weiß, ob er wirklich tot ist. Im Jahr 2033 werde ich diesen Text vielleicht ändern.
Bis dahin hoffe und wünsche ich mir, dass du, Yano – wo immer du bist – glücklich bist. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Und wer weiß, vielleicht sehen wir uns doch noch einmal hier auf Erden. Es gibt sie, die kleinen und großen Wunder. Ich glaube daran.
Und wenn nicht, dann werde ich dich, wenn wir uns wiedersehen, bitten, mir zu erzählen, was du erlebt hast – und warum dein Drang, frei und unabhängig zu sein, so unendlich stark war.
Ich liebe dich, Yano. Auch wenn du eine tiefe Wunde in mein Herz gerissen hast. Eine Wunde, die nicht heilen kann, solange ich nicht weiß, ob es dir gut geht.🤍